Kurz erklärt: FTX war bis 2022 eine der grössten Handelsplattformen für Kryptowerte. Ihr Zusammenbruch im November 2022 beruhte darauf, dass Kundengelder an ein verbundenes Handelsunternehmen weitergereicht und dort eingesetzt wurden. Gründer Sam Bankman-Fried wurde 2024 in den Vereinigten Staaten wegen Betrugs und Verschwörung zu 25 Jahren Haft verurteilt.
Die Konstruktion
Neben der Handelsplattform bestand ein eng verbundenes Handelsunternehmen. Beide wurden von denselben Personen kontrolliert. Kundengelder der Plattform flossen an dieses Unternehmen und wurden dort für eigene Geschäfte eingesetzt.
Für Kunden war das nicht erkennbar. Die Oberfläche zeigte Guthaben an, Auszahlungen funktionierten, das Unternehmen trat mit erheblichem Werbeaufwand und prominenten Partnerschaften auf. Der Fehler lag nicht in der Technik, sondern in der Trennung von Vermögen — genauer: in deren Fehlen.
Als im Herbst 2022 Zweifel an der Werthaltigkeit der Sicherheiten aufkamen und viele Kunden gleichzeitig abziehen wollten, war der Bestand nicht vorhanden. Der Zusammenbruch erfolgte innerhalb weniger Tage.
Warum die Blockchain hier nicht half
Ein für die forensische Praxis zentraler Punkt: Die entscheidenden Vorgänge waren in keiner Blockchain sichtbar.
Buchungen zwischen Konten innerhalb einer Plattform finden in deren interner Datenbank statt. Nur Ein- und Auszahlungen erscheinen in der Kette. Ein Kunde, der auf FTX handelte, erzeugte keine Blockchain-Transaktionen; sein Guthaben war ein Eintrag beim Anbieter.
Damit ist gesagt, warum eine reine On-Chain-Analyse solche Fälle nicht aufdeckt. Sichtbar wäre allenfalls ein auffälliger Mittelfluss zwischen Adressgruppen der Plattform und des verbundenen Unternehmens — aber ohne Kenntnis der Zusammenhänge nicht als solcher erkennbar.
Die Lehre für Gutachten: Bei Sachverhalten mit Plattformbeteiligung ist stets zu prüfen, welcher Teil des Geschehens überhaupt in der Kette abgebildet ist. Häufig ist es nur der Anfang und das Ende.
Verfahren und Urteil
Bankman-Fried wurde 2023 in mehreren Anklagepunkten für schuldig befunden und 2024 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Mehrere führende Mitarbeiter legten Geständnisse ab und sagten aus.
Parallel läuft ein Insolvenzverfahren, in dem Vermögenswerte eingesammelt und an Gläubiger verteilt werden. Die dabei erreichten Quoten profitierten erheblich davon, dass die Werte einzelner zurückerlangter Bestände nach dem Zusammenbruch gestiegen sind — ein Umstand, der nichts über die Qualität des ursprünglichen Geschäfts aussagt.
Für die Einordnung ist wichtig: Die Verurteilung erfolgte wegen Betrugs, nicht wegen eines Fehlers in einer Blockchain oder eines technischen Vorfalls. Es war ein klassisches Delikt in einem neuen Umfeld.
Prüfkriterien, die sich daraus ableiten
Für die Beurteilung einer Handelsplattform haben sich seither einige Fragen als tragfähig erwiesen.
Trennung der Vermögen. Werden Kundenbestände getrennt vom Eigenvermögen gehalten, und ist das durch einen unabhängigen Dritten bestätigt? Unter der europäischen Verordnung über Märkte für Kryptowerte bestehen hierzu ausdrückliche Vorgaben.
Verbundene Unternehmen. Existiert ein Handelsunternehmen im selben Kontrollbereich? Diese Konstellation ist der zentrale Risikofaktor.
Nachweis der Bestände. Veröffentlicht die Plattform einen überprüfbaren Nachweis über vorhandene Bestände — und umfasst dieser auch die Verbindlichkeiten? Ein Nachweis nur über Guthaben ist wertlos, weil er nichts über Schulden sagt.
Sitz und Aufsicht. In welchem Staat sitzt die Gesellschaft, welche Aufsicht ist zuständig, und existiert dort ein geordnetes Insolvenzverfahren?
Keine dieser Fragen erfordert Fachkenntnis. Sie werden nur selten gestellt.
Häufige Fragen
Hätte eine Blockchain-Analyse den FTX-Zusammenbruch aufgedeckt?
Nein. Buchungen zwischen Konten innerhalb einer Plattform finden in deren interner Datenbank statt; nur Ein- und Auszahlungen erscheinen in der Kette. Ohne Kenntnis der Zusammenhänge war der Mittelfluss nicht als solcher erkennbar.
Was war der eigentliche Fehler bei FTX?
Die fehlende Trennung zwischen Kundengeldern und Eigenvermögen. Kundengelder flossen an ein verbundenes Handelsunternehmen und wurden dort eingesetzt. Der Zusammenbruch war ein Betrugsfall, kein technischer Vorfall.
Woran erkenne ich eine Plattform mit vergleichbarem Risiko?
An vier Fragen: Werden Kunden- und Eigenvermögen getrennt und ist das von unabhängiger Seite bestätigt? Existiert ein verbundenes Handelsunternehmen im selben Kontrollbereich? Gibt es einen Bestandsnachweis, der auch Verbindlichkeiten umfasst? In welchem Staat sitzt die Gesellschaft und welche Aufsicht ist zuständig?
Zusammenfassung
FTX brach 2022 zusammen, weil Kundengelder an ein verbundenes Handelsunternehmen weitergereicht und dort eingesetzt wurden — eine fehlende Vermögenstrennung, kein technischer Fehler. Sam Bankman-Fried wurde 2024 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Der Fall zeigt, dass interne Buchungen einer Plattform in keiner Blockchain erscheinen und eine reine On-Chain-Analyse solche Sachverhalte nicht aufdecken kann.
Weiterführende Quellen
- US-Justizministerium — Urteil gegen Samuel Bankman-Fried: www.justice.gov
- Verordnung (EU) 2023/1114 über Märkte für Kryptowerte (MiCA), EUR-Lex: eur-lex.europa.eu
- BaFin — Merkblatt Kryptowerte-Dienstleistungen nach MiCAR: www.bafin.de