Technische Grundlagen

Kurz erklärt: EIP-712 ist der Standard für das Signieren strukturierter Daten. Er sorgt dafür, dass eine Signaturanfrage in der Wallet nicht als unlesbare Zeichenfolge, sondern in benannten Feldern erscheint. Er ist die technische Grundlage von Permit und damit von Permit-Phishing — der Standard, der die Täuschung erschweren sollte, ist zugleich ihre Voraussetzung.

Das Problem, das er löst

Vor EIP-712 wurden Nachrichten zur Signatur als bloße Zeichenkette übergeben. In der Wallet erschien eine lange Folge aus Buchstaben und Ziffern, aus der niemand ableiten konnte, was bestätigt wird. Wer signierte, tat es blind — das ist der Ursprungszustand des Blind Signing.

EIP-712 führt eine Struktur ein: Die zu signierenden Daten werden mit Feldnamen und Datentypen beschrieben. Die Wallet kann daraus eine lesbare Darstellung erzeugen — Inhaber, Berechtigter, Betrag, Gültig bis.

Ergänzt wird das um einen sogenannten Bereichstrenner, der Name und Version der Anwendung, die Netzwerkkennung sowie die Adresse des Contracts einbindet. Er bewirkt, dass eine Signatur nur für den vorgesehenen Contract auf dem vorgesehenen Netzwerk gilt. Ein anderswo abgefangener Signaturtext lässt sich damit nicht wiederverwenden.

Warum die Täuschung trotzdem funktioniert

Der Standard leistet, was er verspricht — und schützt trotzdem nicht zuverlässig. Vier Gründe treten in Schadensfällen regelmäßig auf.

Lesbar heißt nicht verständlich. Eine korrekt dargestellte Freigabe zeigt Feldnamen und Werte. Was sie bedeuten, erschließt sich nur, wer den Mechanismus kennt. Ein Nutzer sieht „Permit“ und einen sehr großen Betrag und weiß nicht, dass er damit eine dauerhafte Vollmacht erteilt.

Die Darstellung hängt von der Wallet ab. Nicht jede Anwendung zeigt alle Felder, und auf Geräten mit kleinem Bildschirm wird gekürzt. Gerade der Betrag und die Empfängeradresse geraten dabei außer Sicht.

Der Inhalt ist frei wählbar. Der Standard schreibt die Form vor, nicht die Bedeutung. Ein Angreifer kann Felder so benennen, dass eine harmlose Handlung suggeriert wird.

Eine Signatur kostet nichts und erscheint nicht in der Kette. Es entsteht keine Transaktion, keine Gebühr, kein Eintrag. Die Wirkung entsteht erst, wenn der Angreifer die Signatur später einreicht — deshalb fehlt jedes Warnsignal im Moment der Handlung.

Bedeutung für die Aufarbeitung

Der letzte Punkt hat eine unangenehme forensische Folge: Der Moment der Täuschung ist in der Blockchain nicht sichtbar. Rekonstruierbar ist nur die spätere Einreichung durch den Angreifer.

Für die Beweisführung heißt das, dass die Kette allein nicht genügt. Zu sichern sind zusätzlich die Aufrufhistorie des Browsers oder der Wallet-Anwendung, die Adresse der aufgerufenen Seite, der Weg, über den sie erreicht wurde, sowie Bildschirmaufnahmen des Signaturdialogs, sofern vorhanden.

In der Kette erkennbar bleibt die Einreichung: ein Aufruf, bei dem eine fremde Adresse eine Berechtigung für die Wallet des Geschädigten erwirkt, ohne dass dieser eine Transaktion ausgelöst hat. Wer diese Konstellation findet, weiß, dass eine Off-Chain-Signatur vorausging — auch ohne sie selbst sehen zu können.

Häufige Fragen

Was ändert EIP-712 gegenüber einer einfachen Signatur?

Die zu signierenden Daten werden mit Feldnamen und Datentypen beschrieben, sodass die Wallet sie lesbar darstellen kann. Zusätzlich bindet ein Bereichstrenner Anwendung, Netzwerk und Contract ein, sodass eine Signatur nicht anderswo wiederverwendbar ist.

Wenn ich den Inhalt lesen kann — warum falle ich trotzdem darauf herein?

Lesbar ist nicht verständlich. Die Felder zeigen Werte, deren Bedeutung nur kennt, wer den Mechanismus kennt. Hinzu kommt, dass Wallets die Darstellung kürzen und der Angreifer die Feldbenennung frei wählt.

Warum sehe ich die Täuschung nicht in der Blockchain?

Weil eine Signatur keine Transaktion ist — sie kostet nichts und erzeugt keinen Eintrag. Sichtbar wird erst die spätere Einreichung durch den Angreifer. Für die Beweisführung sind deshalb Browserverlauf, Seitenadresse und Bildschirmaufnahmen zu sichern.

Zusammenfassung

EIP-712 macht Signaturanfragen strukturiert und lesbar und bindet sie über einen Bereichstrenner an Anwendung, Netzwerk und Contract. Er ist die Grundlage von Permit — und damit zugleich Voraussetzung des Permit-Phishings. Der Schutz greift nicht zuverlässig, weil lesbar nicht verständlich bedeutet, Wallets die Darstellung kürzen und eine Signatur weder Gebühren noch einen Eintrag in der Kette erzeugt. Der Moment der Täuschung ist deshalb forensisch nur mittelbar rekonstruierbar.

Weiterführende Quellen

Fachlich verantwortet von David Lüdtke, Finanz Forensik GmbH. Stand: 2026-08-20. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.