Nach einem Kryptobetrug ist der Schock für Betroffene meist erheblich. Häufig entsteht der Eindruck, dass das investierte Kapital endgültig verloren ist, sobald es über eine dezentrale Blockchain in die Hände von Tätern gelangt ist. Die weit verbreitete Annahme, Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum seien grundsätzlich unangreifbar und nicht rückholbar, verstärkt dieses Gefühl der Hilflosigkeit zusätzlich.
Allerdings gibt es eine bedeutsame Ausnahme, die vielen Anlegern nicht bekannt ist: Zentral ausgegebene Stablecoins wie Tether (USDT) oder USD Coin (USDC) eröffnen unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, entwendete Vermögenswerte einzufrieren und damit die Grundlage für eine spätere Rückführung zu schaffen.
Der technische Hintergrund: Zentrale Eingriffsmöglichkeiten in einer dezentralen Struktur
Während vollständig dezentral organisierte Kryptowährungen wie Bitcoin keiner zentralen Instanz unterstehen, werden Stablecoins wie USDT und USDC von Unternehmen – konkret von Tether bzw. Circle – emittiert. Diese Emittenten behalten sich bestimmte Kontrollbefugnisse vor, die im jeweiligen Smart Contract des Tokens technisch verankert sind.
Der zugrunde liegende Vertrag enthält administrative Funktionen, die es dem Herausgeber ermöglichen, etwa auf Anforderung von Strafverfolgungsbehörden oder im Rahmen regulatorischer Vorgaben einzugreifen.
Zu den wesentlichen Funktionen zählen insbesondere:
Eine Blacklist-Funktion, durch die eine Wallet-Adresse auf eine Sperrliste gesetzt wird, sodass von dort keine Transaktionen mehr ausgeführt werden können.
Eine Freeze-Funktion, mit der die auf einer bestimmten Adresse befindlichen Token blockiert werden, sodass sie nicht mehr transferiert werden können.
In letzter Konsequenz eine Wipe-Funktion, die es erlaubt, eingefrorene Token von einer Wallet zu entfernen und – beispielsweise zugunsten des geschädigten Anlegers – auf eine andere Adresse zu übertragen.
Gerade diese Eingriffsmöglichkeiten unterscheiden Stablecoins grundlegend von anderen Krypto-Assets. Selbst wenn ein Täter im Besitz des Private Keys ist, bleibt ihm der Zugriff auf eingefrorene Token verwehrt. Die Vermögenswerte sind faktisch auf der Täter-Wallet blockiert. Dies verschafft den Geschädigten einen entscheidenden zeitlichen Vorsprung für weitere rechtliche Maßnahmen.
Der praktische Ablauf: Vom Betrugsfall zur Kontensperrung
Sind Stablecoins in einen Kryptobetrug involviert, ergibt sich für Betroffene ein klar strukturierter Handlungsrahmen. In der Praxis vollzieht sich der Ablauf regelmäßig in mehreren Schritten.
Zunächst ist nach Entdeckung des Betrugs unverzügliches Handeln erforderlich. Täter leiten erlangte Gelder häufig innerhalb kürzester Zeit weiter, sodass jede Verzögerung das Risiko erhöht, die Spur zu verlieren.
Im nächsten Schritt erfolgt eine professionelle Blockchain-Analyse. Spezialisierte Dienstleister oder entsprechend erfahrene Anwaltskanzleien können Transaktionsketten nachvollziehen und die Wallet-Adresse identifizieren, auf der sich die entwendeten Stablecoins aktuell befinden.
Auf Grundlage eines detaillierten Tracing-Berichts, einer strukturierten Sachverhaltsdarstellung und idealerweise einer bereits erstatteten Strafanzeige wird sodann der jeweilige Emittent – Circle oder Tether – kontaktiert. Ein anwaltliches Anschreiben erhöht die Erfolgsaussichten regelmäßig deutlich.
Nach Prüfung des Sachverhalts kann die Compliance-Abteilung des Emittenten eine Sperrmaßnahme einleiten und die betreffende Wallet einfrieren. Je nach Fallkonstellation kann dies innerhalb weniger Stunden erfolgen; realistisch ist jedoch ein Zeitraum von ein bis drei Tagen.
Rechtliche Ansatzpunkte: Wie der Freeze die Vermögensrückholung unterstützt
Das Einfrieren der Token stellt den zentralen Sicherungsschritt dar. Es verhindert den weiteren Abfluss der Gelder und erzeugt erheblichen Druck auf den Täter, da dieser faktisch nicht mehr über die blockierten Vermögenswerte verfügen kann.
Parallel dazu sind zivilrechtliche Ansprüche geltend zu machen. In Betracht kommen insbesondere Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung gemäß § 812 BGB sowie deliktische Ansprüche, etwa nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit Betrug oder gemäß § 826 BGB.
Der Freeze wirkt in diesem Zusammenhang wie eine vorläufige Sicherungsmaßnahme. Er erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ein später erstrittenes Urteil auch tatsächlich vollstreckt werden kann. Nicht selten führt der dadurch entstehende Druck bereits im Vorfeld zu einer außergerichtlichen Einigung oder einem Vergleich, da der Täter ein eigenes Interesse daran haben kann, die Angelegenheit zu bereinigen, um zumindest über andere – nicht betroffene – Vermögenswerte wieder verfügen zu können.
Fazit: Ein bedeutender Vorteil für Geschädigte
Die Möglichkeit, zentral emittierte Stablecoins wie USDT oder USDC einzufrieren, stellt für Opfer von Kryptobetrug einen erheblichen Vorteil dar. Sie relativiert die vermeintliche Unantastbarkeit der Blockchain und bietet ein effektives Instrument zur Vermögenssicherung. Entscheidend ist dabei das koordinierte Zusammenspiel von spezialisierten Rechtsanwälten, Blockchain-Analysten und den jeweiligen Emittenten.
Wer Opfer eines Kryptobetrugs geworden ist, bei dem Stablecoins eine Rolle spielen, sollte keine Zeit verlieren. Eine frühzeitige rechtliche Prüfung und die sofortige Einleitung geeigneter Maßnahmen sind essenziell, um Vermögenswerte zu sichern und Ansprüche konsequent durchzusetzen. Unsere erfahrenen Rechtsanwälte unterstützen Sie im Bereich Kryptobetrug und Asset-Recovery umfassend bei der Durchsetzung Ihrer Rechte.
FAQs – Häufig gestellte Fragen
Bei rein dezentralen Kryptowährungen wie Bitcoin ist eine technische Sperrung nicht vorgesehen. Bei zentral emittierten Stablecoins wie USDT oder USDC können die Herausgeber hingegen unter bestimmten Voraussetzungen Wallet-Adressen sperren und Token einfrieren.
Bitcoin ist dezentral organisiert und unterliegt keiner zentralen Steuerung. Stablecoins wie USDT oder USDC werden hingegen von Unternehmen ausgegeben, die bestimmte Kontrollmechanismen in den Smart Contracts verankert haben. Diese ermöglichen es, in Ausnahmefällen regulierend einzugreifen – etwa durch das Einfrieren von Token.
Nach einem Betrugsfall werden die erlangten Gelder häufig rasch weitertransferiert, um die Spur zu verwischen. Je früher reagiert wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, die Token noch auf einer identifizierbaren Wallet zu sichern und einen Freeze zu veranlassen. Zeit ist in diesen Fällen ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
Wird eine Wallet-Adresse gesperrt oder werden Token eingefroren, können die betreffenden Vermögenswerte nicht mehr bewegt oder transferiert werden. Der Täter verliert faktisch die Verfügungsmacht über die blockierten Stablecoins, auch wenn er weiterhin im Besitz des Private Keys ist.
Mithilfe spezialisierter Blockchain-Analyse-Tools lassen sich Transaktionsketten detailliert nachvollziehen. Experten können so feststellen, auf welchen Wallet-Adressen sich die entwendeten Stablecoins aktuell befinden und entsprechende Berichte zur weiteren rechtlichen Verwendung erstellen.
Eine Strafanzeige ist ein wichtiger erster Schritt, genügt jedoch allein in der Regel nicht. Für einen erfolgreichen Freeze ist regelmäßig eine fundierte Dokumentation des Sachverhalts erforderlich, häufig unterstützt durch eine anwaltliche Vertretung und einen professionellen Tracing-Report.
Unter bestimmten Voraussetzungen können eingefrorene Token im Rahmen der technischen Möglichkeiten des Emittenten auf eine andere Wallet übertragen werden. Ob und in welchem Umfang dies geschieht, hängt jedoch vom Einzelfall sowie von den jeweiligen Compliance-Prüfungen ab.
Geschädigte können insbesondere Ansprüche aus ungerechtfertigter Bereicherung gemäß § 812 BGB sowie deliktische Schadensersatzansprüche, etwa nach § 823 Abs. 2 BGB in Verbindung mit Betrug oder gemäß § 826 BGB, geltend machen.
Kryptobetrug weist häufig grenzüberschreitende Bezüge auf. Zuständigkeitsfragen, anwendbares Recht und die internationale Vollstreckung müssen daher im Einzelfall geprüft werden. Eine koordinierte Vorgehensweise ist hierbei besonders wichtig.
Kryptobetrugsfälle verbinden technische, regulatorische und zivilrechtliche Fragestellungen. Eine spezialisierte Kanzlei kann Blockchain-Analysen koordinieren, den Kontakt zu Emittenten herstellen, rechtliche Ansprüche durchsetzen und die Erfolgsaussichten realistisch bewerten.